Kommentar zu „Das Armenhaus Europas“

Umdenken, und zwar bald!

Ein Kommentar von Philip Raillon zur Reportage „Das Armenhaus Europas

Erbärmlich – das trifft die Situation in Ostungarn wohl ganz gut. Die Bedingungen, unter denen die Sinti und Roma in der Provinz Miskolc leben, sind traurig. Als ich selbst Ende Mai nach Göncruszka fuhr, war ich auf einiges gefasst – aber mit diesen löchrigen Ruinen, in denen die Familien mit ihren kleinen Kindern hausen, hatte ich nicht gerechnet.

Wohlbemerkt: Wir reden hier von Ungarn, einem Mitgliedsland der Europäischen Union, knapp 1250 Autokilometer von meiner Heimat NRW entfernt. Göncruszka, das ist nicht der Nahe Osten, Asien oder Afrika, das ist Europa!

Keine Frage – auch die Ungarn selbst leben in dieser Gegend sehr einfach, zwar noch immer besser als ihre direkten Roma-Nachbarn, aber trotzdem nicht vergleichbar mit unserem Lebensstandard in Deutschland. Da drängt sich schon fast die Frage auf, was diese Gegend wirtschaftlich überhaupt mit Westeuropa zu tun hat. Was haben wir (Westeuropäer) damit zu tun? Wieso gehört dieser Teil zur EU?

Geht man über die holprige Dorfstraße, kann man wohl tatsächlich lange nach Verbindungen suchen.

Eine Vision: Die Europäische Idee
Doch es gibt einen Gedanken, eine Vision, die auch Staaten wie Ungarn in die EU gebracht hat. Sie nennt sich: „Europäische Idee“. Frieden, Wohlstand, vergleichbare Standards – das verbindet man mit diesem Gedanken. Europa hat uns viel Gutes gebracht, Grund genug uns auch weiteren Herausforderungen zu stellen. Aufgaben zu wenden. Es ist deshalb auch unsere Aufgabe, dass diese Menschen in Ostungarn – und damit meine ich vor allem die Sinti und Roma – eine Chance haben. Eine Chance auf ein erträgliches Leben.

Unser Grundgesetz sagt gleich zu Beginn in Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, das gilt auch über die (Landes-) Grenzen hinweg.
Ich lege mich fest: Im Moment ist der Alltag der Roma in Ostungarn menschenunwürdig.

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Hahn auf dem Gemeindebauernhof. Foto: Prämie_Photo

Die einzige Perspektive gibt dem Dorf die Reformierte Gemeinde von Göncruszka mit ihrem Pfarrer Levente, seiner Frau und ihren Mitstreitern. Ihre Aufopferung für die Menschen vor Ort ist unermesslich und beeindruckend. Die Kraft dazu finden sie in ihrem Glauben, weshalb sie ihre Arbeit auch mit einer Art Missionsgedanken verbinden. Dies mag man sicherlich kritisch bewerten können – aber mal ehrlich: Wer sonst? Wer sonst engagiert sich auf diese aufopferungsvolle Art für die Sinti und Roma in Ostungarn. Kaum jemand. Zumindest niemand, dessen Arbeit Früchte tragen würde. Und die Regierung Orban ist auch nicht gerade für ihre romafreundliche Politik bekannt, eher im Gegenteil. Auch Brüssel oder Berlin helfen nicht – es sind auch hier nur die schweizerischen, holländischen oder deutschen Partnergemeinden, die „Talentum“ in Göncruszuka unterstützen und durch ihre Spenden am Leben halten.

Früher „Der Zigeuner“, heute „der kriminelle Roma“
Doch kann man überhaupt nachhaltig helfen? Sinti und Roma haben keinen guten Ruf. Was früher „Der Zigeuner“ war, ist heute eben „der kriminelle Roma“. Selbst die Gemeindemitglieder vor Ort sagen im Gespräch, dass die Roma gar nicht arbeiten wollen. Sie würden doch eh nur rumsitzen und warten, bis ihnen etwas zu fällt, ihnen Hilfe gebracht wird. Das gelte für (fast) alle! Als ich diese Worte hörte, musste ich erst mal schlucken.

Den einzigen Leuten, die den Roma-Familien helfen nun Rassismus vorwerfen? Das fällt mir schwer. Und da sie aus ihrer täglichen Arbeit berichten, fällt es mir auch fast genauso schwer, zu widersprechen. Mir bleibt daher nur ein Schluss: Seit Generationen erfahren Roma Abneigung – früher gewalttätig und brachial, heute meist wohl ‚nur’ verbal und durch Benachteiligung. Menschen, die dies seit Jahrzehnten am eigenen Leibe erfahren, verinnerlichen es. Die Kinder nehmen es quasi mit der Muttermilch auf und gewöhnen sich rasch dran. Hinzukommt die Perspektivlosigkeit im Alltag Ostungarns. Warum soll man sich dann anstrengen, wenn es einerseits ohnehin wenig bringt und andererseits man diese Einstellung von Eltern, Großeltern, Nachbarn und Bekannten stets vorgelebt bekommt?
Und genau hier muss man, müssen wir, ansetzen: Es ist Aufgabe der Politik, Perspektiven zu schaffen und Aufgabe unserer Gesellschaft, ein Verständnis für die Situation zu entwickeln.

Denn eines sollten wir alle nicht vergessen: Die Roma aus Ostungarn versuchen dieser Situation zu entfliehen – denn so möchte wirklich niemand freiwillig leben. Sie sind die, die dann ganze Häuserblocks in den Straßen von beispielsweise Duisburg oder Berlin bewohnen. Dort erwartet sie die nächste Perspektivlosigkeit. Vielleicht sogar eine noch Schlimmere, weil sie, um dort hin zu gelangen, auch noch das Bisschen, was sie hatten, aufgegeben haben. Falls sie einen ungarischen EU-Pass haben, dürfen sie vielleicht bleiben – geholfen, ist ihnen damit aber nicht wirklich.

Also müssen die westeuropäischen Regierungen, Brüssel und Berlin, vor Ort – in Nordostungarn – tätig werden. Initiativen und Projekte wie Talentum müssen wir unterstützen und fördern. Nur so können wir den Menschen wirklich helfen. Den Roma in der Region zu helfen, ist wohl noch um einiges einfacher, als denen aus Nicht-EU-Staaten oder gar den Menschen in Syrien, wo politisch und humanitär deutlich schwerer eingewirkt werden kann.

Probleme lösen – und zwar gemeinsam

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Das Gemeindehaus in Göncruszka. Photo: Prämie_Photo


Und warum wir ihnen überhaupt helfen sollten? Na, weil wir es ihnen historisch, politisch und menschlich schuldig sind. Wir alle leben in einem Europa, einer Europäischen Union. Hinter den Grenzen dieser Union warten viele weitere Probleme und immer damit auch menschliche Schicksale. Diese Probleme sind vermutlich noch größer. Aber wie wollen wir Probleme in der Ferne angehen und diese lösen, wenn wir nicht mal die im eigenen Europa bewältigen können?

 Nötig ist ein Umdenken, das trifft jeden von uns. Handeln muss vor allem die Politik. Berlin, Brüssel und Budapest – tut etwas! Denn im Moment ist die Situation vor allem eins: Erbärmlich!

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