Das Armenhaus Europas

Eine Reportage von Philip Raillon

In Ostungarn hausen die Menschen in Ruinen. Obwohl die Region zur EU gehört, bleibt den Familien kaum etwas zum Leben. Der einzige Ausweg: Die Flucht nach Westeuropa

DSC_0502.JPG

Hier lebt eine Roma Familie: Die eine Hälfte des Hauses gibt es nicht mehr, die andere hat nur noch ein löchriges Dach.   PRaiMe_Photo

Das lange Gras wiegt sanft im Wind, der rote Mohn am Straßenrand verpasst den grauen Häusern einige Farbtupfer. An einem Sommertag wirkt das 600-Seelen-Dorf Göncruszka fast idyllisch. Ein alter Mann schiebt eine große Karre voller frischem Heu durch den Ort. Die Postbotin schlängelt sich auf dem Rad zwischen den teils 30 Zentimeter tiefen Schlaglöchern durch.

 

Es ist eine verlassene und wohl auch vergessene Region: Die Gemeinde Göncruszka-Vilmány liegt im Nordosten Ungarns, drei Autostunden von Budapest entfernt. Es sind nur noch zwölf Kilometer bis zur Slowakei, keine 50 bis zur ukrainischen Grenze. Die Europastraße 71 führt hier her – einspurig. Entlang der Landstraße liegen riesige Felder. Industrie gibt es nicht, die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 Prozent. Der Wohlstand Europas? In diesem Teil der EU sucht man ihn vergeblich. Das Interesse der Öffentlichkeit an dieser Region? Es tendiert gegen null – und das, obwohl knapp 300 Kilometer weiter westlich derzeit hunderte Flüchtlinge vor dem Budapester Bahnhof campieren, begleitet von der Weltpresse. Die Region im Nordosten ist vergessen, die Menschen gleich mit – und das schon seit Jahren.

Zurück ins Dorf: Ein Pferdekarren biegt aus der geschotterten Seitenstraße. Am Rand laufen drei Roma-Kinder her. „Von den 2200 Bewohnern der Gemeinde, sind etwa 1600 Roma“, sagt Pfarrer Levente Sohajda. Während die ungarischen Familien meist noch in kleinen Häuschen wohnen, leben die Roma-Familien in zugigen Ruinen. In einer der Seitengassen steht eins dieser Häuser – die eine Hälfte fehlt, die Mauern sind zusammengefallen. Die andere Haushälfte, keine zwanzig Quadratmeter groß, hat immerhin noch ein Fenster. Das Dach, schief und löchrig. Draußen hängt schmutzige Wäsche. Eine Frau kommt aus einem Busch – Toiletten gibt es oft nicht.

DSC_0223

Eine Seitenstraße von Göncruszka bei Nacht. PRaiMe_Photo

Eine Ecke weiter steht die einzige Telefonzelle des Dorfes. Ausgeblichen erkennt man noch das magentafarbene „T“. Gegenüber stehen einige Menschen. „Die warten auf den Arzt. Der kommt irgendwann ab zehn – vielleicht… “, sagt eine Bewohnerin. Direkt daneben ist einer von zwei Läden: Frisches gibt es, wenn überhaupt, nur morgens.

 

Doch wovon Leben die Familien ohne Arbeit? Der ungarische Staat zahlt eine überschaubare Stütze. „Wenn man nur zu Hause sitzt, dann bekommt man 22.000 Forint“, sagt Pfarrer Levente. Das sind 70 Euro. Wer täglich soziale Arbeit erledigt, bekommt immerhin umgerechnet 160 Euro – nur es gibt gar nicht genug Aufgaben. Die Roma, vom Bürgermeister benachteiligt, gehen oft leer aus. Das meiste Geld gibt es pro Kind – knapp 40 Euro. „So wird aus ihnen schnell ein Geschäft“, so Levente traurig.

Gerade die Roma haben oft acht oder neun Kinder pro Familie. Sie teilen sich die Baracken mit anderen. Eine der Ruinen ist besonders auffällig: Eine obdachlose Familie bekam vor einigen Jahren das nicht fertige Haus von der Gemeinde, unter dem Versprechen, es fertig zu bauen. Getan hat sich nichts mehr. Stattdessen steht der Kühlschrank unter freiem Himmel, der Müll liegt im Vorgarten. Das Dach ist seitlich offen, es regnet herein. In einem Bretterverschlag verharrt ein dürres Pferd. Ein kleiner Roma-Junge steht im Eingang des Hauses. Schnell zieht ihn eine junge Frau wieder hinein. Die Schwester? Die Mutter? Schwer zusagen! Roma-Mädchen, die mit 17 noch kein Kind haben, fallen auf. „Immer häufiger kommt es vor, dass eine 13-jährige Mutter ihr Kind getauft haben möchte. Daneben steht dann die 28-jährige Großmutti auch mit einem Neugeborenen,“ erzählt Levente.

DSC_0478

Der Kühlschrank steht draußen, seitlich kann es hineinregnen.      PRaiMe_Photo

Während im Sommer das Leben der Roma ertragbar scheint, wird es im Winter zum Kampf: Geheizt wird mit Feuer, die Familien verbrennen alles – auch die eigene Kleidung. Fenster und Türen haben die Ruinen oft nicht, also kauert man sich zusammen.

Viele verlassen die Region. Von den Ungarn ist längst gegangen, wer gehen konnte. Die Roma folgen kontinuierlich – auch nach Deutschland. „Viele von ihnen kommen aber wieder, weil sie es nicht geschafft haben,“ sagt Levente. Was man vorher hatte, ist dann auch noch weg. Das Ganze beginnt von vorne. Noch ärmer. Noch aussichtsloser.

Spätestens dann bietet die reformierte Gemeinde den letzten Ausweg: Sie hat ein Schutzhaus, wo es etwas zu essen gibt. „Wir wollen ihnen auch zeigen, dass es sich lohnt zu arbeiten“, sagt Leventes Frau. Neulich pflanzten sie mit den Jugendlichen Gemüse an. Was erst spannend war, wurde schnell öde. „Wieso machen wir das? Wir können es doch beim Nachbarn klauen“, habe ein Junge gefragt.

Trotzdem: Nach und nach gibt die Gemeinde den Jugendlichen eine Perspektive. Auch durch die reformierte Grundschule, wo sie ungarische Kinder, Roma-Kinder und Waisenkinder gemeinsam unterrichtet. In den Schulräumen wird gelacht, gespielt und gelernt. Die Kinder gehen gerne zur Schule. Manche schaffen sogar den Sprung auf das Gymnasium, welches 50 Kilometer entfernt in Miskolc ist. Finanziert wird die Schule nicht vom Staat, sondern fast komplett über Spenden – auch aus Deutschland. Spenden, die den Menschen dort eine Perspektive geben, wo sie zuhause sind.

 


INFO

 

DSC_0201

Gespenstige Stille: Die Dorfstraße von Göncruszka im Osten Ungarns. PRaiMe_Photo

Die reformierte Grundschule in Göncruszka gibt es seit acht
Jahren. In den Klassen sitzen maximal 21 Schüler, wobei jährlich mehr Plätze vergeben werden könnten. Die Kinder werden nach deutscher Pädagogik unterrichtet

 

Die Projekte werden unteranderem durch den Erlös von Honig finanziert. Jedes Jahr schleudert die Gemeinde mehrere tausend Gläser ungarischen Honig, der von westeuropäischen
Partnergemeinden vertrieben.


 

 

Advertisements